Neue Bewegung in der Unbeweglichkeit

Freies WLAN trotz Serienabmahnung

Veröffentlicht am 15. Juni, 2014 von Christian Aue
Redaktion und Recherche von Detlev Bartsch

Ja, ich möchte kostenloses Internet, besonders wenn ich die „Internetflat“ meines Handys schonen möchte. Also immer, wenn ich fürchte, den Rest des Monats unter einer Geschwindigkeitsdrosselung zu leiden. Oder besser, ich spare mir meinen DSL-Anschluss, weil ich gleich beim Nachbarn über dessen WLAN mitsurfe. Seine Bandbreite liegt ja ohnehin von neun bis fünf und von elf bis sieben brach. Der könnte die doch gleich für mich freischalten. Als Gegenleistung schenke ich ihm kostenlosen Support für seinen Rechner und verspreche, ihm nie mehr zu grollen.

Bei solchen Gedanken fällt die Nachricht, dass in der gesamten Gevelsberger Innenstadt nun kostenloses Internet verfügbar ist, auf fruchtbaren Boden. Dort hat der Verein ProCity Gevelsberg e.V., ein Zusammenschluß Gevelsberger Geschäftsleute, gemeinsam mit dem Förderverein Freie Netzwerke e. V. diese Vision verwirklicht. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass die Durchführbarkeit, trotz aller Bedenken, auf festen Füßen steht.

Wenn ich als Gastronom meinen Gästen kostenloses Internet zu ihrem Getränk anbieten möchte, stehe ich immer vor den Fragen, mit welchen rechtlichen Konsequenzen ich für das Fehlverhalten eines Gastes rechnen muß und wie ich mich dagegen schütze. Technische Voraussetzungen, notwendige Investitionen, Betrieb und Betriebskosten klammere ich hier mal als weitere Fragen aus. Die allwissende Müllhalde spuckt dazu Anbieter wie sorglosinternet.de oder fairspot.de aus. Das Geschäftsmodell dieser Anbieter funktioniert nach dem Prinzip, dass ein kundenseitiger Internetanschluss mit einem Router des Anbieters ausgerüstet wird. Dieser spezielle Router fungiert als WLAN-Hotspot für den Gast. Bei Anmeldung werden ihm rechtliche Hinweise präsentiert und dann die Internetnutzung ermöglicht. Um allen gesetzlichen Fragen zur Nutzung im Ansatz aus dem Weg zu gehen, werden die Internetanfragen des Gastes mittels eines verschlüsselten Tunnels zu einem Internetprovider im Ausland mit freierer Gesetzgebung geschickt. Dieser Provider sendet die gewünschten Internetdaten wieder verschlüsselt zum Gast des Kunden zurück. Dazu ist im monatlichen Preis für diese Dienstleistung eine volle Rechtskostenübernahme mit inbegriffen, sollte es zu Streitigkeiten kommen.
Das Angebot des Fördervereins Freie Netzwerke e. V. unterscheidet sich nicht von der beschriebenen Vorgehensweise, nur ist der Preis unschlagbar günstig.

Wenn ich davon absehe, dass Daten, die das 'tschland Netz verlassen, beim BND den Vermerk "Bitte prüfen" bekommen, erscheint mir die garantierte Rechtskostenfreistellung doch sehr verlockend. Fragt sich dann nur, ob bei einem Rechtsstreit eher dem Anbieter des Kunden das Geld ausgeht oder der anwaltlichen Vertretung des Rechteinhabers. Zu dem Thema kann man auf der Internetseite des Fördervereins Freie Netzwerke e. V. deren aktuellen Fall nachlesen. Die dort gesammelten Erfahrungen mit dem einschlägigen Vorgehen legen den Schluß nahe, dass es den Abmahnern in erster Linie um den schnellen Euro geht. Denn mit jedem Rechtsstreit, besonders wenn er eine größere Nutzergruppe betrifft, steigt der Mut der Regierenden, die Abmahnungspraxis bei Urheberrechtsverletzungen im Internet gesetzlich zu regeln.

Die Einzigen, denen mit einer Teilnahme an Freien Netzwerken wirklich auf die Füße getreten wird, sind die Internet-Anbieter selber. Die haben ihre Preise mit einem angenommenen Quotienten aus Bandbreitenverfügbarkeit und Auslastungswahrscheinlichkeit kalkuliert. An dieser Schraube zu drehen, kann Fragen bei der nächsten Verlängerung des Internet-Vertrages aufwerfen. Da kann die Unterstützung einer Initiative, die sich dem Kampf um den Ausbau des Glasfasernetzes in Deutschland verschrieben hat, die persönliche Außendarstellung nur abrunden.

Nachtrag am 9. Juli, 2014 von Christian Aue
Recherche von Detlev Bartsch

Wie auf heise online nachzulesen ist, wurde eine negative Feststellungsklage von zwei Mitgliedern des Fördervereins Freie Netzwerke e. V. eingebracht. Schön, dass wir in einer Demokratie leben und möge Justitia entscheiden.